Doch keine Klimaabgabe für alte Braunkohle-KW?

Dazu die Antwort von Ralf Kersting:

Sehr geehrte Frau Jacobsen,


Ihrer Meinung, dass Minister Gabriel offensichtlich die von ihm ins Gespräch gebrachte Klimaabgabe für alte Kohlekraftwerke wohl wegen des Widerstands der "alten" Stromwirtschaft, wählerstimmenheischender Politiker und stimmungsmachender Gewerkschaftsvertreter aufgeben muss, stimme ich zu.

Offensichtlich baut Ihr Kommentar jedoch auf den laut und wiederholt posaunten, einseitigen Argumenten der Gewerkschaft BCE und der Unternehmen RWE und Vattenfall. Einen mit einfachen journalistischen Mitteln durchzuführenden Abgleich dieser Argumente vermisse ich. 
Ich habe einfach mal die bekannteste Suchmaschine mit den Worten "Beschäftigte Braunkohle" und "DEBRIV" (das ist der Bundesverband Braunkohle oder Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein) gefüttert. Von dort kommt die Information, dass derzeit in Braunkohlebergbau und -kraftwerken 21.089 Mitarbeiter (http://www.braunkohle.de/index.php?article_id=98&fileName=b-02-2015.pdf) beschäftigt sind. Gleichzeitig findet sich auch die Information, dass die Beschäftigtenzahl in 2013 noch 22.082 und in 2014 noch 21.406 war (http://www.braunkohle.de/126-0-Beschaeftigtenzahlen.html). Das bedeutet einen Arbeitsplatzrückgang von 993 in zwei Jahren - ohne Klimaabgabe.
Es geht ja auch nicht um die sofortige Abschaltung aller (Braun-)Kohlekraftwerke, sondern nur um die ältesten mit dem höchsten Kohlendioxidausstoß. Damit würden keinesfalls 100.000 Arbeitsplätze wegfallen (wie RWE-Aufsichtsratsmitglied Frank Bsirske behauptet). Selbst wenn alle Braunkohlekraftwerke gleichzeitig abgeschaltet würden, träfe das 21.089 x 2,3 (Faktor 1,3 für an der Braunkohle hängende Dienstleistungsarbeitsplätze) etwa 49.000 Arbeitsplätze.

Zum Vergleich: Durch die Erneuerbaren Energien verdienen etwas 371.000 Deutsche ihr Einkommen (http://www.unendlich-viel-energie.de/themen/wirtschaft/arbeitsplaetze und http://www.erneuerbare-energien.de/EE/Navigation/DE/Service/Erneuerbare_Energien_in_Zahlen/erneuerbare_energien_in_zahlen.html). Hochrechnungen zufolge könnten dort weitere geschaffen werden, so dass diese Sparte bis 2020 500.000 Arbeitsplätze bereitstellt (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/71776/umfrage/arbeitsplaetze-im-bereich-erneuerbare-energien/). Die einfache Subtraktion ergibt, dass die vorgenannten 50.000 Braunkohle- und verbundenen Dienstleistungsarbeitsplätze mehr als zweieinhalb mal ausgeglichen werden. Und wenn die Braunkohleabgabe hier wieder investiert würde (z. B. durch Förderung von EE-Investitionen an Braunkohlestandorten), bedeutete dies eine beschleunigte Umstrukturierung der betroffenen Regionen.

Sie erinnern Herrn Gabriel auch an seine Äußerung aus längst vergangener Zeit, dass nicht gleichzeitig aus Atomkraft und Kohle ausgestiegen werden könne. Eine kurze Recherche führt zu einer kürzlich veröffentlichten Studie: 36 Braunkohlekraftwerke könnten sofort abgeschaltet werden, ohne dass es in Deutschland zum Blackout käme, weil eben soviel Stromüberschuss produziert wird. Wenn Herr Gabriel also nun anders denkt, ist dies lediglich veränderten Zeiten, einer veränderten Marktsituation und seiner Fähigkeit, daraus zu lernen, gestundet.

Mit freundlichen Grüßen

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